Montag, 13. September 2010

Montäglich grüßt das Murmeltier

Oder es versucht es zumindest!

Letzte Woche war der erste Montag des neuen Monats, sprich mit frischem Taschengeld! Meine Hauptbeschäftigung war also dieses auszugeben was auch erklärt warum ich es nicht geschafft hab hier zu schreiben. Außerdem gab es abends noch einen Filmeabend im Haus den ich mir nicht entgehen lassen wollte!

Der Film war sehr schön und auch informativ. Er heisst "Magnificent 7" und handelt von einer Familie in der 3 Kinder autistisch veranlagt sind. Wer sich den mal anschauen will, hier mehr Info's dazu!

Mir geht es weiterhin sehr gut! Ich bin ja jetzt schon gut anderthalb Monate hier und habe es letzte Woche endlich geschafft damit anzufangen mein Zimmer ein bisschen einzurichten! Das Bild was hing abgehängt, Poster aufgehängt und am allerwichtigsten ein paar Fotos and die Wand geklebt! Ausserdem hab ich Bett, Schreibtisch und Sessel umgestellt: jetzt fühlt es sich schon heimischer an!

Die letzte Woche war noch etwas stressiger als die bisherigen und das aus zwei bestimmten Gründen. Erstens sind Scott's Eltern im Urlaub und er dementsprechend auch am Wochenende hier und zweitens ist ein neuer Schüler zu uns gestoßen. Er heißt Daulen und kommt aus Kazakhstan. Zufälligerweise ist er nicht nur in die Klasse gekommen der ich zugeteilt bin, sondern auch in mein Haus. Im Haus war er erst einmal zum Mittagessen also kann ich darüber noch nicht viel erzählen, zur Schule war er aber nun schon drei Tage! Da die Klasse bis jetzt nur aus drei Kindern bestand is der Raum jetzt viel voller als vorher denn man muss ja bedenken, dass mit jedem Kind das hinzukommt auch mindestens ein Co-Worker mehr dabei sein muss. Daulen ist Querschnittsgelähmt und auch autist! Er scheint mir jedoch ziemlich intelligent zu sein. So kann er die Zahlen von 1-10 viel schneller sortieren als die anderen Kinder der Klasse, außerdem lernt er bereits das Alphabet mit englischen Wörtern was erstaunlich ist wenn man bedenkt dass Englisch eine Komplett neue Sprache für ihn ist.

Ich werde mit Daulen in Zukunft glaube ich nicht viel zu tun haben, aber vielleicht schreib ich ja nochmal über ihn sobald ich etwas mehr weiß!

Heute werd ich mich mal auf Aiden konzentrieren. Aiden ist 13 Jahre alt und versorgt uns regelmäßig mit guten Lachern. Er hat Asperger's Syndrom und das ziemlich ausgeprägt. Zur Erinnerung: er nimmt alles wortwörtlich. Am Sonntag zum Beispiel hat er uns beim abwaschen geholfen und Helen hat ihn darum gebeten einen Teller von draussen reinzuholen. Der Satz lautete übersetzt: "Aiden, kannst du bitte den Teller reinholen?" woraufhin von Aiden ein einfaches "Ja" kam aber keine weitere Reaktion. Ich hab garnich geschaltet und dacht er ist mal wieder frech aber von Helen kam daraufhin in etwa die Ansage: "Das war keine Frage sondern eine Ansage!" woraufhin Aiden ohne irgendeine Miene zu verziehen einfach losgegangen ist und den Teller reingeholt hat. Ich hab mich ein paar Sekunden über Helens schroffe Art gewundert, um mich dann daran zu erinnern, dass er das anders ja nicht umbedingt versteht.

Der Lacher der Woche kam am Essenstisch: ich weiss nicht genau wie es dazu gekommen ist, auf jeden fall hat Jessica ihn mit der Idee konfrontiert, dass Lauren ein bisschen wie Peter Pan ist und einfach nicht erwachsen werden will! Aidens einfache und klare Antwort darauf war: "Ja aber Peter Pan sabbert nicht!" was so simpel wie wunderbar war. Eine Parallele zwischen zwei Sachen zu ziehen die ziemlich weit voneinander entfernt zu sein scheinen bereitet ihm also offensichtlich Schwierigkeiten. Andersrum ist es leider genauso. Es ist schwer für ihn den Unterschied zwischen dem Fiktiven und dem Reellen zu erkennen und diese beiden voneinander zu trennen.

Im Normalfall können die Erzieher dagegenwirken, es müssen nur alle Erzieher tun. Sprich diejenigen die hier mit ihm arbeiten und seine Eltern natürlich. Es ist  nur leider so, dass viele Eltern die ihre Kinder hierher schicken entweder einfach überfordert sind mit der Erziehung oder ein schlechtes Gewissen haben weil sie nicht 100% für sie da sein können. Bei ersterem passiert also das, was in vielen  mit der Erziehung überforderten Familien passiert: die Kinder werden vor dem Fernseher geparkt. Das schlechte Gewissen führt dazu, dass den Kindern viel mehr erlaubt wird als eigentlich gesund ist. So hat z.B. ein so oder so schon übergewichtiges Mädchen hier in den Sommerferien 8 Kilo zugelegt, weil die Mutter nicht nein sagen kann wenn ihr Kind nach essen schreit.

Wie auch immer, kommt bei Aiden hinzu, dass er wie alle Kinder in seinem Alter gerne Cartoons schaut. Wenn er also zu hause ist, schaut er viel Fern und das bis spät in die Nacht! Würden die meisten Kinder ja machen wenns ihnen keiner verbietet. Seine Lieblingsserie ist Southpark, für diejenigen die keine Ahnung davon haben: Southpark beinhaltet viel schwarzen Humor, Beleidigungen, Gewalt und ist außerdem eher für Erwachsene gedacht. Wenn ein Kind also Southpark schaut, muss man ihm danach zumindest erklären, was davon kompletter Schwachsinn ist und was die eigentliche Botschaft dahinter ist. Bei einem Asperger ist das nicht so einfach. Noch schlimmer ist, dass er am Wochenende ein neues Computerspiel bekommen hat: GTA San Andreas. In diesem Spiel ist man ein Mafioso, der durch die Stadt läuft, Autos klaut, leute erschiesst oder umfährt etc. .

Was Kommunikation damit zu tun hat is relativ einfach: wenn die Schule und die Eltern nicht reibungslos kommunizieren können, muss viel Zeit darin investiert werden, Fehler des anderen wieder auszubügeln. Zeit, die viel besser darin angelegt wäre das Kind weiter zu fördern.

Dass sich vor allem Southpark in Aidens Alltag ziemlich fest eingenistet hat, wird einem spätestens dann klar, wenn er andere Kinder mit Ausdrücken aus dem Southpark-Jargon beleidigt, die "Uncle Fucker" Melodie summt (ein sehr bekanntes Lied aus der Serie) oder alle möglichen Synonyme aus dem amerikanischen aufzählt (What we call a jumper, they call a sweatshirt! What we call trousers, they call pants).

Das Aiden mal agressiv wird passiert nicht allzu oft und wenn, dann ist es nicht wirklich schlimm denn er ist relativ schwach und dementsprechend leicht zu bändigen. Was sehr viel Spass macht mit Aiden ist schwimmen gehen. Wenn man mit Aiden schwimmen geht wird Langeweile zum Fremdwort. Wenn er im Wasser ist, will er nämlich andauernd herumgeworfen, unter Wasser getaucht oder ähnlich beschäftigt werden!

Wenn Aiden isst, ist er in seiner eigenen Welt! Wenn man also will, dass er die Butter rüberreicht, muss man ihn erst klar und deutlich beim Namen nennen und auf seine Reaktion warten bis man ihm sagen kann was man möchte. Generell mag er es nicht so gerne beim Essen gestört zu werden. Wenns ihm dann wirklich zu viel wird, sagt er dann auch: "Stop asking so many Questions!". Aidens Ernährung unterscheidet sich ein wenig von der der anderen Kinder! Aiden darf zum Frühstück Kellogs essen statt der Bio/Öko/ungezuckerten Cornflakes die alle anderen essen, er bekommt zum Mittag (allerdings nicht als einziger) ein extra Gericht was in der Regel aus Chicken Nuggets, Burgerfleisch oder ähnlichem besteht. Sein Ketchup verbrauch ist auch überdurchschnittlich!

Das wars erstmal über Aiden, nächste Woche wird er jedoch bestimmt auch wieder auftauchen wenns um Matthew geht!

Zum Abschluss noch einen Eindruck aus Aberdeen, welches ich bis jetzt als sehr schöne und vor allem saubere Stadt erlebt habe.


Ich werd mich jetzt erstmal auf Nahrungssuche begeben und hoffe, dass ich nächste Woche wieder dazu kommen werde zu schreiben.

Cheers
Johannes

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